Sozialraumanalyse im Quartier Marienfelde

Art des Projekts: rekonstruktive Praxisforschung / qualitative Empirie / Kinder- und Jugendforschung / ethnografische Feldstudie

Laufzeit: 01.10.2017 – 01.08.2018

Projektteam: Jennifer Hübner / Master of Arts (wissenschaftliche Leitung), Vera Priess / Student*in der Sozialen Arbeit (studentische Mitarbeitende)

Das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg, Abt. Jugend – Region Marienfelde/ Lichtenrade, beschäftigt sich angesichts fehlender empirischer Daten zu Kinder und Jugendlichen im Quartier Marienfelde aktuell mit der Frage, wie junge Menschen in ‚ihrem’ Stadtteil Freizeit und Lebenswelt gestalten. Gerahmt in einer qualitativen Sozialraumanalyse soll den Fragen nachgegangen werden; was sich junge Menschen zur Gestaltung ihrer Freizeit wünschen, was ihnen (dazu) fehlt und schließlich, welche kinder- und jugendzentrierten Angebote/ Räume in der bereits vorhandenen Infrastruktur zielgruppenorientiert ergänzt bzw. dezidiert werden könnten.

Zur Umsetzung der qualitativen Bedarfsanalyse wurde die Hedwig-Wachenheim-Gesellschaft beauftragt. Im Rahmen eines rekonstruktiven, praxisorientierten Erhebungssettings sollen die lebensweltlichen und sozialräumlichen Orientierungen (vgl. Thiersch, 2015, S. 13-40, 41-53 / Krisch, 2009, S. 9-15) respektive Muster der in Marienfelde lebenden Kindern und Jugendlichen (11 bis 21 Jahre) ethnografisch herausgestellt werden (vgl. Hitzler; Eisewicht, 2016).  Die Aufbereitung der Daten soll die zukünftige Jugendhilfeplanung des Stadtteils anreichern und qualifizieren.

Die anvisierte Sozialraumanalyse wird als eine Art Kontinuum sozialarbeiterischer Praxisforschung verstanden, welche Ihre Qualität zuvorderst aus der Verknüpfung von Praxis und Wissenschaft gleichermaßen produziert (vgl. Spatscheck; Wolf-Ostermann, 2016, S. 32-33). Das Forschungsteam generiert also kein rein sozialwissenschaftliches Datenmaterial, welches sich fernab vor den Sichtweisen der vor Ort arbeitenden Sozialarbeiter*innen und anderen Pädagog*innen bewegt. Vielmehr werden diese als Schlüssel und primäre Zugriffsfläche zum Datenmaterial verstanden. Sie fungieren als Schnittstelle, Projektionsfläche, Multiplikator*innen und Zugang zum Feld (der Kinder- und Jugend(sozial)arbeit/ Schulsozialarbeit). Die Konzeptentwicklung des Forschungsdesigns beruht also nicht zuletzt auf den gemeinsam aufgeworfenen Gesprächsdiskursen mit den Fachkräften vor Ort (vgl. ebd.).

Im Mittelpunkt der Erhebung stehen die Sichtweisen und Orientierungen der Kinder und Jugendlichen selbst. Ausgehend vom Raumaneignungskonzept nach Krisch und/ oder Deinet (vgl. Deinet, 1993, S. 57-70) werden vor allem beteiligungsorientierte Erhebungsmethoden genutzt.  Sie sollen Aufschluss darüber geben, wie Lebenswelten von Jugendlichen in engem Bezug zu ihrem spezifischen Quartier bzw. ihrer Region, zu ihren Treffpunkten, Orten oder Institutionen stehen und welche Sinnzusammenhänge, Freiräume oder auch Barrieren/ Hindernisse Kinder und Jugendliche in ihren Gesellungsräumen erkennen (vgl. Deinet, 2009, S, 54, vgl. Krisch, 2009, S. 74). Klassische Methoden etwa die integrierte Stadtteilbegehung mit Fachkräften und Jugendlichen, die Stecknadelmethode oder aber die Befragung von Schlüsselpersonen fungieren als dezidierte Kernmethoden (vgl. Deinet, 2009, S. 66-86; Krisch, 2009, S. 71-158). Ergänzt wird das Setting durch das Formulieren von Feldnotizen und Beobachtungsprotokollen (vgl. Breidenstein et. al., 2015 S. 86 ff., 94 ff.) sowie dem Durchführen teilnehmender Gruppendiskussionsverfahren mit Kindern und Jugendlichen (vgl. Bohnsack et. al., 2001). Bereits Martha Muchow hat in ihrer Studie „Der Lebensraum des Großstadtkindes“ die Bedeutsamkeit von interaktiven, ethnografischen Datenmaterial herausgearbeitet (vgl. Hungerlang, 2016, S. 18 / Muchow; Muchow, S. 1987, S- 71-72 / Krisch, 2009, S. 74). Streifzüge, beobachtetes Teilnehmen und teilnehmende Beobachtungen, aber auch subjektive Landkarten von Kindern/ Jugendlichen sollen das Herausstellen einer kinder- und jugendzentrierten Perspektive auf den Stadtteil Marienfelde forschungspraktisch ergänzen.

Unter Verwendung des computergestützten Auswertungsprogramm Maxqda werden die erhobenen Daten mit der qualitativen Inhaltsanalyse von Philipp Mayring rekonstruiert und ausgewertet (vgl. Mayring, 2015). Im Sommer 2018 werden die Daten erstmals den in Marienfelde wirkenden Fachkräften zur Verfügung gestellt. Ob Ansätze der Handlungspausenforschung angewendet werden und ein weiteres diskurvier Forschungsprozess entsteht, bleibt gegenwärtig offen (vgl. Coelen, 2003, S. 45-63).

Literatur

Breidenstein; Georg; Hirschauer, Stefan; Kalthoff, Herbert; Nieswand, Boris (2015): Ethnografie. Die Praxis der Feldforschung. 2. Auflage. UVK Verlagsgesellschaft. Konstanz. München.

Coelen, Thomas; Mohr, Elisabeth; Peters, Lutz; Richter, Helmut (2003): Handlungspausenforschung – Sozialforschung als Bildungsprozess. Aus der Not der Reflexivität eine Tugend machen. S. 54-63. In: Oelerich, Gertrud; Otto, Hans-Uwe (Hrsg.) (2003): Empirische Forschung und Soziale Arbeit. Ernst Reinhardt Verlag. München. Basel.

Deinet, Ulrich (1993): Der gesellschaftstheoretische Kontext sozialräumlicher Jugendarbeit. S. 45-51. In: Böhnisch, Lothar; Münchmeier, Richard (1993): Pädagogik des Jugendraums. Zur Begründung und Praxis einer sozialräumlichen Jugendpädagogik. Juventa. Weinheim und München.

Deint, Ulrich (Hrsg.) (2009): Methodenbuch. Sozialraum. Verlag für Sozialwissenschaften. Wiesbaden.

Deinet, Ulrich (2009): Analyse- und Beteiligungsmethoden. S. 65-86. In: Deint, Ulrich (Hrsg.) (2009): Methodenbuch. Sozialraum. Verlag für Sozialwissenschaften. Wiesbaden.

Hitzler, Ronald; Eisewicht, Paul (2016): Lebensweltanalytische Ethnographie. Im Anschluss an Anne Honer. Beltz. Juventa. Weinheim. Basel.

Hungerland, Beatrice (2016): Die Lebensraumstudie von Martha Muchow und ihre Bedeutung für die Kindheitsforschung. S. 17-34. In Hünersdorf, Bettina (Hrsg.) (2016): Spiel-Plätze in der Stadt. Sozialraumanalytische, kindheits- und sozialpädagogische Perspektiven. Schneider Verlag Hohengehren. Baltmannsweiler.

Krisch, Richard (2009): Sozialräumliche Methodik der Jugendarbeot. Aktivierende Zugänge und praxisleitende Verfahren. Juventa. Weinheim. München.

Mayring, Philipp (2015): Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken. 12., überarbeitete Auflage. Beltz. Weinheim. Basel.

Muchow, Martha; Muchow; Hans-Heinrich (1998): Der Lebensraum des Großstadt-kindes. Juventa. Weinheim und München.

Spatscheck; Christian; Wolf-Ostermann, Karin (2016): Sozialraumanalysen. Verlag Barbara Budrich. Opladen. Toronto.

Thiersch, Hans (2005): Lebensweltorientierte Soziale Arbeit. Aufgaben der Praxis im sozialen Wandel. Juventa. Weinheim. München.